Oktober 1956
Südöstlich von Victoria, Texas, USA
Catherine lag reglos zwischen Farnen, nassem Laub und den flachen Wurzeln eines weit verzweigten Baumes und starrte in das fahle Grau vor dem Morgen. William hatte ihr geraten, nicht im Wagen zu warten. Zu sichtbar. Zu nah an der Straße. Zu nah an allem, was im Fall einer Suche als Erstes geprüft würde. Also hatte sie sich ein Stück abseits in den Wald geschlagen, weit genug, um den Wagen nicht mehr zu sehen, nah genug, um ihn bei Bedarf rasch zu erreichen.
Die Nacht wich. Erst wurde das Schwarz zu Grau, dann traten Formen hervor: Stämme, Blattwerk, niedrige Büsche, die wie kauernde Gestalten wirkten. Mit dem Licht kam das Leben. Irgendwo quakte ein Frosch. In den Ästen riefen Vögel. Insekten surrten, als hätten sie die Dunkelheit nur geduldet und verlangten nun ihr Recht zurück. Es war kein friedlicher Klang. Es war ein fremder. Einer, der ihr sagte, dass dies nicht ihr Land war, nicht ihr Wald, nicht ihre Welt. Alligatoren, dachte sie. Oder Krokodile. Sie wusste nicht einmal mehr sicher, was in welchem Wasser lebte. Schlangen ganz sicher. Und anderes, dessen Namen sie nicht kannte und auch nicht kennen wollte.
Sie zog die Knie enger an sich. Der Stoff des Kleides fühlte sich falsch an auf ihrer Haut. Es gehörte einer Frau, die nun tot war. Sie hatte das frühere Gesicht noch vor Augen, und was daraus geworden war. Catherine sah an sich hinab, als könne der Stoff selbst Anklage erheben. Fremde Nähte, fremder Schnitt, fremder Geruch. Sie trug die Hülle eines anderen Lebens, weil ihr eigenes ausgelöscht werden musste.
Ihr Sohn.
Der Gedanke traf sie so plötzlich, dass sie kurz die Augen schloss. Ihr Sohn, den sie nun nicht wiedersehen durfte. Nicht schreiben, nicht aus der Ferne beobachten, nicht durch Zufall irgendwo entdecken, nicht einmal nach ihm fragen. Alles, was an ihr noch Mutter war, musste schweigen, damit der Rest überleben konnte. Damit er einen Vater behalten durfte. Ihre einzige Chance war, dass man sie für tot hielt, nicht für Wochen, nicht für Monate, sondern auf Dauer. Es gab keine Verjährung. Kein späteres Vielleicht. Kein kluges Abwarten, bis Gras darüber gewachsen war. Tot war sicher. Alles andere war Jagd.
Rechts von ihr knackte etwas im Unterholz.
Ihr Körper reagierte trotz Müdigkeit schneller als der Verstand. Catherine drehte den Kopf, sah aber nur Blätter, feuchte Zweige, etwas Dunkles, das sich zwischen Schatten verlor. Sie wartete einen Herzschlag, dann noch einen. Nichts. Doch das reichte. Mit einer Hast, die sie zugleich verfluchte und brauchte, zog sie sich am Stamm hoch, stemmte einen Fuß gegen die Rinde und kletterte auf den untersten Ast. Er war breit genug, um sie zu tragen, und tief genug, dass sie sich noch halb im Blattwerk verbergen konnte. Dort hockte sie sich hin, einen Arm um den Stamm, und zwang sich zur Ruhe.
Wenn er das geplant und sie hiergelassen hatte, dann würde es sicher genug sein.
Sie wiederholte den Gedanken, bis er fast wie Wahrheit klang.
Dann hörte sie Motoren.
Zuerst nur einen. Dann mehrere. Reifen auf der Straße. Türen. Stimmen, zu weit weg, um Worte zu erkennen. Kurz darauf ein anderes Geräusch, schärfer, dringlicher. Eine Sirene. Sie sah kein Blaulicht, nur das wechselnde Aufglimmen zwischen den Stämmen, aber das genügte. Polizei, Rettung, vielleicht beides. Viele Autos. Sie presste sich flacher an den Stamm.
Wenn sie sie suchen kamen, ließ sie den Wagen zurück und verschwand. Wenn sie mit Hunden kamen, würde Wasser helfen. Wenn der Hund auf ihren Geruch angesetzt wurde, dann mochte die Kleidung der Toten nützen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht rochen Hunde Angst stärker als Parfüm und Blut. Vielleicht war das alles Unsinn. Ihre Gedanken rasten, fanden keinen Halt, liefen im Kreis und wurden mit jeder Runde schärfer.
Er hatte etwas von einem Pass im Schrank gesagt.
Sie kniff die Augen zusammen. Hatte er eine Rettung längst im Hinterkopf gehabt und nur nichts gesagt? Oder erst dann, als ohnehin alles zusammenbrach? Wenn die Amerikaner sie für tot hielten, würden es wohl auch ihre Leute. Früher oder später würden sie den Bericht sehen. Ihren Namen. Ihren Tod. Ihren Sohn ohne Mutter. Vielleicht sogar ihr Grab. So wichtig war sie nicht, dass man sie über den Tod hinaus suchen und jagen würde. Nicht, wenn alles ordentlich aussah. Nicht, wenn auf dem Papier Ruhe herrschte.
Also tot bleiben, dachte sie. Nicht nach Washington. Kein Geld anfassen. Keinen anderen Pass, bevor es sein musste.
Sie dachte an ihren Führerschein. Der einzige Ausweis, den sie bei sich hatte. Sie tastete danach, nur kurz, nur um sicher zu sein. Behalten oder vergraben. Wenn sie angehalten wurde und die Daten abgefragt wurden, war die Tarnung fort. Wenn man ihn bei einer Durchsuchung fand, ebenso. Ohne Ausweis aber war sie bei jeder Kontrolle auch nur eine Frau ohne Geschichte. Sie kannte die Daten von drei Frauen auswendig, die ihr ähnlich sahen und deren Alter ungefähr passte. Namen, Geburtsorte, Daten. Doch auswendig wusste man viel und bewies wenig. Eine Polizeikontrolle war Glücksspiel, zwar mit guten Chancen, aber ohne Garantie.
Land of the free, dachte sie bitter.
Sie hoffte nur, unbemerkt bis zu der Jagdhütte zu kommen.
Die Zeit kroch. Am Anfang sah sie noch Scheinwerfer zwischen den Bäumen, matt und unstet. Später hörte sie die Fahrzeuge nur noch, tagsüber, hin und her, mal näher, mal ferner. Nie kam jemand in ihre Richtung. Niemand schlug sich durchs Unterholz. Niemand rief. Niemand schien auch nur zu ahnen, dass weniger als eine Meile weiter eine Frau auf einem Ast hockte, die nicht mehr existieren durfte. Sie schienen sich bei all dem Lärm, den sie machten, nicht zu kümmern. Oder war sie durch ihre Furcht nur aufmerksamer als sonst?
Mehr als einmal wollte sie hinunter, zum Wagen, losfahren, sofort, endlich Bewegung, endlich weg. Doch vielleicht war die Straße gesperrt. Vielleicht warteten sie nur darauf, dass jemand in Panik den Fehler machte, der alles verriet. Also blieb sie sitzen, dann liegen, dann wieder sitzen, bis ihr Rücken schmerzte und ihre Beine taub wurden. Die Müdigkeit wog schwer, doch die Anspannung stach beinahe ins Fleisch.
Der Mittag kam und verging. Wolken schoben sich vor die Sonne. Die Luft wurde schwerer, die Farben stumpfer. Als die ersten großen Tropfen fielen, hob Catherine den Kopf. Sie trafen Blätter, Rinde und Erde mit sattem, schwerem Klang. Dann wurden es mehr. Aus einzelnen Schlägen wurde ein Rauschen. Aus dem Rauschen ein Vorhang.
Sie lächelte zum ersten Mal seit Stunden.
Das war kein Wetter mehr für eine Suche. Der Regen wusch Spuren fort, Fußabdrücke, Geruch, Zweifel. Er ertränkte jede Motivation. Catherine wartete nicht lange, dann rutschte sie vom Ast, stolperte fast, fing sich und ging geduckt zum Wagen zurück. Der Regen lief ihr in den Nacken. Sie war innerhalb von Sekunden durchweicht. Das kümmerte sie nicht.
Im Auto roch es nach feuchtem Stoff. Sie schloss die Tür, sank auf den Sitz und glaubte erst, nur für einen Augenblick die Augen zu schließen. Der Schlaf fiel über sie her wie ein Schlag.
Als sie erwachte, war es mitten in der Nacht.
Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Dann hörte sie den Regen auf dem Dach, und alles kehrte zurück. Sie atmete ein, aus, setzte sich etwas aufrechter und spähte hinaus. Fast nichts zu sehen. Dunkelheit, Wasser, gelegentlich das fahle Aufglimmen ferner Scheinwerfer. Sie wartete. Beobachtete. Hörte. Eine Stunde, vielleicht länger. Kein Motor direkt vor ihr, keine Stimmen, kein Licht, das stehen blieb.
Vermutlich sind sie weg, dachte sie. Bei dem Wetter und ohne Lebende zu suchen, machte eine Straßensperre wenig Sinn. Die Anwohner wären nur wütend.
Sie drehte den Schlüssel.
Der Motor sprang an. Kein Ruf. Kein Licht. Kein Schuss. Nichts.
Langsam fuhr sie los.
Trotz Kopfschmerzen und Durst wagte sie nicht, sofort anzuhalten. Erst als sie ein gutes Stück hinter sich gebracht hatte, hielt sie an einem kleinen Laden. Der morgendliche Berufsverkehr setzte bereits ein, und genau das war ihr Recht. Eine Frau mehr in einer ungeduldigen Masse, die zur Arbeit wollte. Nicht auffallen, nicht glänzen, nur weiter.
Sie kaufte Wasser, Limonade, Tabletten gegen Kopfschmerzen und Brot, obwohl sie keinen Hunger hatte. Im Wagen schluckte sie eine Tablette mit ein paar hastigen Zügen Wasser hinunter und zwang sich, einige Bissen Brot zu essen. Danach fuhr sie weiter.
Mit jeder Meile wuchs die Hoffnung ein wenig. Nicht schnell. Nicht strahlend. Eher wie Wärme, die nach einer kalten Nacht zurück in Hände und Gesicht kroch. Als sie Houston hinter sich ließ, waren nicht nur die Kopfschmerzen fort. Auch der Druck auf ihrer Brust hatte nachgelassen. Die Versuchung war groß, das Gaspedal tiefer zu drücken, endlich davon zu jagen, aber sie tat es nicht. Vorgeschriebenes Tempo. Genügend Abstand. Ruhig in der Masse mitschwimmen. Wer entkam, tat es nicht durch Hast, sondern durch Beherrschung.
Sie hielt ein weiteres Mal und kaufte genug für einige Tage. Die Jagdhütte war abgelegen. Perfekt. Kein Ort zum Leben, aber ein Ort, an dem niemand Fragen stellte, solange man leise war und den Rauch knapp hielt.
In der nächsten Nacht brach sie diskret in sein Haus ein. Sie fuhr zunächst vorbei. Kein Licht, keine Bewegung. Sie parkte ein Stück weiter und ging wie selbstverständlich am Haus vorbei in den Garten. Kein Mensch da. Er hatte ihr genau beschrieben, wo der Pass lag, und genau dort fand sie ihn, zusammen mit Führerschein und einigen anderen Unterlagen. Anna Violet Smith. Sie nahm außerdem fünf Schecks aus seinem Scheckbuch mit. Nicht mehr. Es würde ihm nicht wehtun.
Am folgenden Morgen ging sie zum Friseur. Sie ließ sich das Haar in jene Farbe färben, die im Pass von Anna Violet Smith vermerkt war. Direkt danach ließ sie Passfotos machen. Als sie am nächsten Tag die Bilder abholte, kaufte sie in einem Bürobedarfsgeschäft alles Nötige, um das Foto im Pass auszutauschen. Schere, Klebstoff, eine Klinge, Kleinigkeiten, die harmlos wirkten, solange niemand sie zusammendachte.
Zur Probe stellte sie sich zwei Schecks aus und löste sie in zwei verschiedenen Filialen ein. Mit dem Pass. Mit ruhigem Gesicht. Ohne Probleme.
Danach kaufte sie Kleidung. Das Nötigste für eine Reise, unauffällig. Alles, was noch Catherine war, wurde sie los. Sie verbrannte, was sich verbrennen ließ, und sah zu, wie Stoff, Bilder, Reste von Gewohnheit und Person in schwarzer Asche zusammenfielen. Es war kein feierlicher Augenblick. Nur notwendig.
Nun war sie Anna Smith.
Das Auto stellte sie in einer Gasse unweit des Bahnhofs ab, in einer Gegend, die sie bei Dunkelheit nicht zu Fuß hätte durchqueren wollen. Sie ließ ein Fenster ein Stück offen und den Schlüssel stecken. Ein Fundstück für irgendeinen Dieb, irgendeinen Jungen, irgendeinen Zufall. Hauptsache fort von ihr. Hauptsache nicht mehr ihr Problem.
Dann nahm sie den Zug nach New York.
Während der Wartezeiten beim Umsteigen löste sie auch die restlichen Schecks ein, einen hier, einen dort, nie zwei am selben Ort, nie zu eilig, nie zögerlich. Mit jedem gelungenen Schritt wurde aus Angst etwas Neues. Noch nicht Sicherheit. Aber eine Vorstufe davon. Etwas, das sich beinahe wie Gleichgewicht anfühlte.
Als das Schiff schließlich ablegte und New York hinter ihr kleiner wurde, stand Catherine, die jetzt Anna war, an der Reling und sah zu, wie die Stadt im Dunst verschwand. Da erst begriff sie, dass sie entkommen war.
Und im selben Augenblick begriff sie den Preis.
Ihr Sohn war zurückgeblieben.
William, dachte sie, versau es nicht.
Dann dachte sie an den großen William und an den kleinen, und dass beide nun ohne sie weiterleben mussten. Einer mit Erinnerung, einer irgendwann nur noch mit Erzählung.
In England suchte sie sich eine kleine Wohnung im Umland von London und begann, Arbeit zu suchen. Es war kein neues Leben. Noch nicht. Eher ein schmaler Steg über tiefem Wasser, auf dem jeder Schritt vorsichtig gesetzt werden musste.
Als sie merkte, dass sie schwanger war, stand sie lange vor dem Spiegel, die Hand flach auf dem Bauch, und sagte nichts.
Tot zu bleiben war das eine.
Mit einem neuen Leben im Leib tot zu bleiben, war etwas anderes.
Sie sah den Pass lange an.
Anna Violet Smith.
Zuerst war es nur ein Werkzeug gewesen, ein Schlüssel, ein Ausweg.
Nun war klar, dass es mehr sein musste.
Catherine konnte nicht irgendwann zurückkehren und ihren alten Namen wieder anziehen wie einen Mantel aus besseren Tagen. Catherine war tot. Auf dem Papier, in Berichten, vielleicht bald sogar auf einem Grabstein.
Was blieb, war diese andere Frau.
Anna Smith.
Nicht Ehefrau. Nicht vor Gott, nicht vor dem Gesetz. Aber doch mit seinem Namen.
Und das Kind sollte ihn auch tragen.
Wenn ihr schon alles genommen worden war, dann nicht das.
Nicht dieser letzte Faden.
Sie strich mit dem Daumen über die Buchstaben, als könnte sie sie dadurch fester machen.
Catherine durfte trauern.
Anna musste leben.