Sommer 1943
Lafayette, Louisiana, USA
Joséphine hatte früh gelernt, dass ein Mann nicht laut oder stark wirken musste, um ein ganzes Leben zu prägen.
Harry war oft kein einfacher Mann gewesen. Nicht, weil er alles an sich riss, sondern weil er vieles mit sich geschehen ließ und dann wieder Augenblicke hatte, in denen er einen klaren Gedanken fasste und ihn unbeirrbar verfolgte. Das Leben hatte ihm früh den Idealismus ausgetrieben. Zu vieles hatte sich als hässlich, falsch oder unabänderlich erwiesen, und manches nahm er hin, nicht aus Schwäche, sondern weil er nicht mehr daran glaubte, alles ordnen zu können.
Sie hatte ihn trotzdem geliebt. Nicht vorsichtig, nicht halb, sondern ganz.
Aus dieser Liebe war nur William geblieben, ihr Sohn, ihr einziger Junge, das Einzige, das am Ende klar und gut gewesen war.
Später war Harry tot gewesen, und mit ihm war nicht nur ein Mann verschwunden, sondern eine ganze Welt von Möglichkeiten und Hoffnungen. Joséphine hatte gelernt, damit zu leben. Das genügte lange.
Dann kam Edmond.
Mit Edmond war alles anders gewesen. Kein Sturm, kein Feuer, kein Riss in der Luft, wenn er einen Raum betrat. Dafür Ruhe. Normalität. Er war kein Mann, den man romantisch verklären konnte, aber einer, mit dem man leben konnte, und vielleicht war das mehr wert. Er hatte sie gut behandelt, William anständig aufgenommen und nie so getan, als müsse er den Toten auslöschen, um selbst Platz zu haben.
Früh hatte sie gewusst, dass Edmond keine Kinder würde haben können. Damals hatte sie es hingenommen. Sie hatte ihren Sohn. Er war noch klein, brauchte sie, füllte das Haus, die Tage, die Zukunft. Das hatte genügt. Erst als die Jahre ruhiger wurden und William aus den Kinderhosen herauswuchs, kam der Wunsch manchmal zurück. Ein zweites Kind. Noch einmal kleine Schritte im Haus. Noch einmal ein Kopf auf ihrem Schoß, der nach Seife und Schlaf roch. Es sollte nicht sein.
Trotzdem hatten sie ein gutes Leben. In manchen Jahren sogar ein sehr gutes. Als die Krise kam und andere Familien kleiner essen, Sachen verkaufen und Hoffnungen begraben mussten, blieb es bei ihnen erträglich. Nicht üppig, aber sicher. Edmond verstand etwas von Geld, Beteiligungen, Geduld und davon, dass man in schlechten Zeiten nicht in Panik geriet. Joséphine war dankbar dafür. Während anderswo Mütter nähten, flickten, streckten und logen, damit ihre Kinder die Not nicht ganz begriffen, konnte sie ihren Sohn satt sehen. Sie konnte ihm gute Schuhe kaufen, Hemden, richtige Mahlzeiten kochen. William wurde groß, gesund und kräftig. Ein Junge, der in jeder Tür auffiel, ehe er ein Mann war.
Je älter er wurde, desto öfter sah sie in ihm nicht nur Harry, sondern auch James. Etwas in den Schultern, etwas im Blick, etwas in dieser stillen, männlichen Selbstverständlichkeit, die Menschen entweder beruhigte oder einschüchterte. Es gefiel ihr. Und es machte ihr Angst. Solche Männer zogen Wege an, die Mütter nicht für ihre Söhne wählten.
Als West Point kam, war sie stolz gewesen, wie nur eine Mutter stolz sein konnte. Sie hatte es jedem erzählt, der zu langsam war, um ihr zu entkommen. Ihr Sohn in West Point. Ihr William. Es war eine feine, helle Art von Stolz gewesen, eine, die nach Zukunft schmeckte. Er würde Offizier werden, vielleicht Ingenieur, vielleicht etwas Großes und Sauberes, mit Rang, mit Verstand, mit einem Schreibtisch statt Dreck an den Stiefeln.
Dann kam Pearl Harbor.
Von da an war West Point nicht mehr nur Ehre. Es war Vorstufe.
Anfangs hatte sie sich noch an das geklammert, woran vernünftige Menschen sich klammerten. Vielleicht würde der Krieg schnell enden. Vielleicht brauchte man Jungen wie William nie wirklich. Vielleicht bekam er einen Posten, bei dem er Tabellen las, Material zählte, Maschinen beaufsichtigte, statt irgendwo in Europa oder im Pazifik erschossen zu werden. Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.
Mit jedem Monat wurden diese Vielleichts schwächer.
Manchmal war ihre Angst so schlimm, dass Beten nicht mehr reichte. Dann saß sie mit gefalteten Händen in der Küche oder im Schlafzimmer, spürte ihr Herz schlagen, zu hart, zu schnell, und hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Zweimal hatte Edmond sie zum Arzt fahren müssen, weil ihr schwindlig wurde und sie glaubte, noch im Wartezimmer zu sterben. Der Arzt sprach von Nerven, Schonung und Aufregung. Als ob eine Mutter ihren Kopf einfach leeren könnte, nur weil ein Mann im weißen Kittel es empfahl.
Einen Mann zu verlieren war das eine.
Den Sohn zu verlieren, das einzige Kind, war etwas anderes.
In diesen Monaten griffen ihre Gedanken nach allem, was Halt versprach. Dabei kam ihr immer wieder Shirley Ann in den Sinn. Ein ordentliches Mädchen. Kein leichtes Ding, kein dummes Huhn, kein Mädchen, das nur Augen für Uniformen oder ein Auto hatte. Eine anständige junge Frau aus vernünftiger Familie. Joséphine kannte ihre Mutter. Man sah sich in der Kirche, sprach höflich und wusste genug voneinander, um sich keine Sorgen machen zu müssen.
Vielleicht, dachte sie, würde William sie in den Ferien wiedersehen.
Vielleicht genügte ein Sommer, ein paar gemeinsame Nachmittage, ein bisschen Nähe, die zur rechten Zeit zurückkehrte. Vielleicht würde daraus etwas werden, ehe er fortmusste. Eine Frau zum Heimkehren. Ein Grund, nicht jeden Unsinn mitzumachen, den junge Männer im Krieg für Ruhm hielten. Vielleicht sogar ein Enkelkind. Etwas, das blieb. Etwas, das trug, wenn alles andere fiel.
Es war kein schöner Gedanke, einen Sohn auf diese Weise fast in eine Zukunft schieben zu wollen. Aber schöne Gedanken halfen ihr längst nicht mehr. Sie brauchte nützliche.
Als William im Sommer 1943 nach Hause kam, wusste sie sofort, dass dies womöglich das letzte Mal war, dass sie ihn so sah. Nicht tot, nicht verwundet, nicht verändert durch Dinge, die kein Mensch wieder loswird, sondern einfach nur als ihren Sohn. Groß, kräftig, schön, mit dem Hunger eines jungen Mannes und dem Blick eines Menschen, der schon halb außerhalb des Elternhauses lebte. Als sie ihn umarmte, war da für einen Moment nichts als Dankbarkeit. Er war da. Warm, schwer, lebendig.
Sie kochte zu viel, wie immer. Sah ihm beim Essen zu. Hörte zu, was er sagte und was er verschwieg. Sie war nicht dumm. Sie wusste, dass West Point ihn verändert hatte. Aber solange er an ihrem Tisch saß, solange er Tee trank und Brot brach und mit vollem Mund halb widersprach, blieb ein Rest von Kindheit erhalten, auf den sie Anspruch erhob.
Als er bei den Landrys helfen ging, dachte sie erst, das sei nach einem Tag oder zwei erledigt. Ein Zimmer streichen, ein paar Kisten tragen, ein wenig Nachbarschaftsdienst, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen widmete. Das war gut, doch als aus einem oder zwei Tagen drei und mehr wurden, wollte sie es beenden. Sie wollte nicht, dass er seine Ferien als Maler verbrachte. Sie wollte ihn im Haus haben, ihn zum Einkaufen mitnehmen, mit ihm und Edmond reden, vielleicht Shirley Ann bei Gelegenheit ins Spiel bringen. Nicht, dass er den ganzen Tag schwitzend in einem Nachbarhaus verschwand.
Nach einigen Tagen beschloss sie, ihn zu holen.
Sie würde mit ihm einkaufen fahren. Oder ihn wenigstens aus dieser Arbeit herauslösen. Sie ging hinüber, den Gedanken schon halb im Kopf, was sie sagen würde. Irgendetwas Mütterliches, Bestimmtes, gegen das ein Sohn sich nicht gut wehren konnte, ohne ungezogen zu wirken.
Als sie näher an das Haus kam, merkte sie zuerst, was sie nicht hörte.
Kein Schaben. Kein Rufen. Kein Eimer. Kein Pinsel. Kein Stuhlrücken. Nichts von dem, was eine Renovierung mit sich brachte.
Stattdessen etwas anderes.
Erst gedämpft. Dann deutlicher. Ein Rhythmus, den man nicht missverstehen konnte, wenn man lang genug gelebt hatte.
Joséphine blieb stehen.
Durch das Fenster, an einem Spalt im Vorhang, sah sie etwas. Haut. Körper. Bewegung.
Einen Augenblick lang wusste sie nicht, was sie tun sollte. Rot werden, lachen, sich bekreuzigen, an die Tür hämmern, Suzanne Landry beim Namen rufen oder ihren Sohn am Ohr aus dem Haus ziehen wie einen Jungen, der in der Kirche gestohlen hatte. Alles war gleichzeitig da. Empörung, Verlegenheit, Zorn und irgendwo, sehr unpassend, ein fast hysterisches Lachen.
Sie ging nicht zur Tür.
Sie klopfte auch nicht ans Fenster.
Sie blieb nur einen Augenblick stehen, die Hand am Rock, hörte noch einmal hin und begriff alles. Nicht das Streichen zog sich. Nicht die Kisten. Nicht die Farbe trocknete so langsam. Ihr Sohn lag bei der Nachbarin, und die Nachbarin ließ ihn schwitzen, aber gewiss nicht arbeiten.
Dann drehte sie sich um und ging zurück.
Er war jung, dachte sie. Sollte er sein Vergnügen haben.
Hauptsache, er tat nichts Dummes.
Oder besser: Er tat etwas Dummes und ging nicht in den Krieg.
Alles, nur nicht in den Krieg.
Der Gedanke kam so klar, so roh, dass sie selbst darüber erschrak. Lieber eine Affäre mit einer verheirateten Nachbarin, lieber Sünde, Schande und Gerede, lieber ein unordentlicher Sommer als ein sauberer, stolzer Tod in Uniform. Wenn Gott ihr einen Wunsch zugestanden hätte, dann nicht Tugend. Nicht mehr. Nur Leben.
Als sie wieder zu Hause war, band sie die Schürze um und stellte einen Topf auf den Herd. Sie würde ihm etwas Gutes kochen. Nach so viel Mühe, dachte sie und musste trotz allem lachen. Ihr Sohn und die Nachbarin. Nun ja. Wenn schon die Welt den Verstand verlor, würde ein einzelner Sommer wohl auch nicht den Takt ändern.
Später, als William nach Hause kam, sah sie ihn nur kurz an, und es war genug. Etwas in seinem Gesicht war leichter, selbstzufriedener, weicher und zugleich voller Kraft. Er sagte wenig. Sie sagte ebenfalls wenig. Aber nun wusste sie, weshalb das Streichen so lange dauerte.
Sie missbilligte es.
Natürlich missbilligte sie es.
Suzanne war verheiratet. Suzanne war ihre Freundin. Suzanne war alt genug, es besser zu wissen, und dreist genug, es trotzdem zu tun. Wenn Joséphine ehrlich war, missfiel ihr fast noch mehr, wie leicht die Frau sich genommen hatte, was sie wollte. Aber Missfallen war das eine. Wichtigkeit das andere.
Wichtiger war, dass William lebte, lachte, aß und nicht in irgendeinem Rekrutenzug seinem Ende entgegenging. Wichtiger war, dass der Sommer ihn noch an Dinge band, die ein Mensch ungern verließ. Haut. Genuss. Nähe. Vielleicht war auch das eine Art von Hoffnung.
Nach und nach änderte sie ihr Verhalten. Sie sprach nicht mehr von den Landrys. Sie holte ihn nicht mehr aus dem Nachbarhaus. Nahm ihn dafür häufiger mit zum Einkaufen, schenkte ihm ein kleines Kreuz, lachte öfter, als sei alles normal. Nicht weil sie blind gewesen wäre, sondern weil sie entschieden hatte, was sie wissen und was sie dulden würde.
Als sie ihn eines Tages nach zu viel Rotwein zur Rede stellte, nur halb, nur tastend, und er ihr ruhig sagte, vielleicht streiche er eines Tages andere Zimmer, vielleicht für seine eigene Familie, da sah sie ihn an und wusste, dass er kein Junge mehr war. Sie wich zurück, nicht aus Schwäche, sondern weil sie begriff, dass ihre Macht kleiner geworden war. Man konnte einen Mann nicht festhalten wie ein Kind. Man konnte nur hoffen, dass etwas an ihm haften blieb.
Er fuhr wieder ab. Der Sommer schloss sich hinter ihm. Und mit ihm wurden auch ihre Hoffnungen auf Shirley Ann schwächer. Shirley war die saubere Idee gewesen. Die geordnete. Die, die man einer Mutter ohne Scham hätte erzählen können. Suzanne war etwas anderes. Eine Frau mit Hunger, Einsamkeit und sehr irdischen Lösungen. Joséphine mochte das nicht. Aber ihre Abneigung änderte nichts an dem, was gewesen war.
Monate später kam die Nachricht.
Suzanne war schwanger.
Als Joséphine es hörte, blieb sie eine Weile still. Die erste Regung war kein Glück. Auch kein Stolz. Es war etwas Scharfes. Ein inneres Zusammenzucken, als hätte jemand ohne Einladung eine Tür geöffnet, die eigentlich verschlossen bleiben sollte. Es gefiel ihr nicht. Ganz und gar nicht. Dass die Frau sich ihren Sohn genommen hatte, als wäre er ein kräftiger junger Hengst, den man zur rechten Zeit auf die Koppel führt. Dass sie bekam, was sie wollte. Dass ausgerechnet daraus nun etwas Bleibendes werden sollte.
Und doch.
Als sie allein war, dachte sie länger darüber nach.
William war fort. Der Krieg würde nehmen, wen er nehmen wollte. Vielleicht kam er heil zurück, vielleicht verändert, vielleicht gar nicht. Das konnte niemand wissen. Aber nun war da etwas, das von ihm blieb. Etwas aus seinem Blut, seinem Sommer, seiner Jugend. Ganz gleich, was auf dem Papier stand. Ganz gleich, was Nachbarn sagten oder Ehemänner glaubten oder Priester dazu meinten.
Papier war Papier.
Blut war Blut.
Sie würde sich das nicht nehmen lassen.
Wenn aus diesem Sommer ein Kind kam, dann war es nicht nur Suzannes Kind. Es war von William. Und wenn die Welt verrückt genug war, Jungen zu fressen, dann durfte eine Mutter wohl daran festhalten, dass wenigstens etwas von ihrem Sohn Bestand haben würde.
Sie sagte es niemandem so.
Nicht Edmond. Nicht den Nachbarn. Nicht einmal sich selbst laut.
Aber von da an, wenn sie an den Krieg dachte, an Uniformen, an Züge, an Briefe und die lange Angst zwischen einem Lebenszeichen und dem nächsten, stand zwischen all dem nun noch etwas anderes. Nicht nur Furcht vor Verlust. Auch der bittere, heimliche Trost, dass vielleicht schon etwas von William in dieser Welt war, das blieb.
Und wenn Gott gerecht war, dachte sie in einer jener stillen Minuten, in denen Beten wieder möglich schien, dann würde er ihr nicht erst alles nehmen und dann auch noch verlangen, dass sie dabei anständig lächelte.