Bonusmaterial

Ray

Ein zusätzlicher Text zu Ray.

Text

März 1953

Louisiana, USA

Der Wagen arbeitete sich langsam über die unbefestigte Straße. Matsch, Wurzeln, ausgefahrene Spuren, dazu links und rechts das dunkle Grün des Sumpfs, das schon am Nachmittag wirkte, als wolle es das Licht verschlucken. Ray hielt das Lenkrad ruhig, nicht zu fest, nicht zu locker. Wer hier nervös fuhr, blieb stecken.

Neben ihm saß Hendrix und stützte einen Arm gegen die Tür.

„Wenn wir noch tiefer reinfahren, kommt hier kein Abschleppdienst mehr her.“

Ray nickte.

„Dann sollten wir besser nicht steckenbleiben.“

Das Auto schwankte durch ein tiefes Loch, fing sich wieder und kroch weiter. Eine Weile sagte keiner etwas. Man hörte nur den Motor, das Schmatzen der Reifen und irgendwo draußen Vögel, die sich über irgendetwas aufregten, das keinen Menschen etwas anging.

„Schon verrückt“, sagte Hendrix schließlich. „So ein Arschloch läuft einfach weiter rum.“

Ray sah geradeaus.

„Mhm.“

„Säuft, fährt, baut Scheiße, und wenn was passiert, dann hat er plötzlich Pech gehabt, war müde, war nicht er selbst. Immer derselbe Dreck.“

Ray antwortete nicht gleich. Vor ihnen zog sich die Spur leicht nach rechts, wo der Boden fester war. Er nahm den Wagen sanft hinüber.

„Die meisten kommen erstaunlich lange damit durch“, sagte er dann.

„Ja.“

Hendrix schnaubte. „Zu lange.“

Wieder schwiegen sie.

Ray dachte an Yvonne.

Nicht so, wie andere Männer an tote Frauen dachten, wenn sie sich selbst beim Trauern zusehen wollten. Kein großes inneres Theater. Kein zerbrochenes Herz in hübschen Bildern. Eher wie eine Stelle im Körper, die man im Alltag nicht spürte, bis jemand genau dort hineindrückte. Dann war sie auf einmal wieder da.

Yvonne am Tisch. Yvonne im Mantel an der Tür. Yvonne, wenn sie ihn mit diesem Blick ansah, in dem mehr Vernunft lag als in ihm selbst. Sie war nie seine Frau geworden. Hatte es nicht gewollt oder nicht gekonnt. Vielleicht hatte sie einfach zu klar gesehen, was er war. Trotzdem war sie ihm näher gewesen als jede andere.

Sie war seine Vernunft gewesen in einer Welt, die immer wieder so tat, als sei Wahnsinn etwas Männliches, Beeindruckendes.

Warum war er zur Armee gegangen?

Warum in zwei Kriege?

Warum fuhr er jetzt in den Sumpf?

Er wusste, dass er kein Held war. Nie gewesen. Andere mochten das Wort benutzen, weil es ihnen half, aus Männern Geschichten zu machen. Ray nicht. Held klang nach Sinn. Nach Opfer. Nach einem Mann, der wusste, warum er etwas tat. Ray wusste das meistens nicht. Er wusste nur, dass Stille ihm nicht guttat.

Krieg hatte ihn beschäftigt. Danach war da zu viel Zeit gewesen. Zu viel Ruhe. Zu viel Gelegenheit, im eigenen Kopf herumzulaufen, bis man sich darin verlief. Manche Männer tranken sich weich. Manche wurden fromm. Manche suchten Streit. Ray hatte sich angewöhnt, in Bewegung zu bleiben.

Ein gestohlenes Auto hier.

Ein kleiner Transport dort.

Etwas Kitzel.

Etwas Dreck.

Gerade genug, um sich nicht zu langweilen.

Nicht genug, um ernsthaft unterzugehen.

Sein Onkel hatte diese Grenze einmal überschritten.

In der Prohibition hatte der Mann ein Vermögen gemacht. Alkohol, Schmuggel, alles, was Geld brachte. Dann hatte er es wieder verspielt, sich mit den falschen Leuten angelegt und am Ende dafür bezahlt. Nicht nur er. Seine Familie gleich mit. Im Haus verbrannt. Ray hatte den Geruch nie vergessen.

Dort lag die Linie.

Kriminell, ja.

Aber nur ein wenig.

Keine Geschäfte mit Wahnsinnigen.

Keine Schulden bei Leuten, die ganze Familien anzündeten.

Kein Absturz in etwas, aus dem man nicht mehr sauber herauskam.

Der Wagen sackte kurz nach links, fand wieder Halt.

„Vielleicht hätten sie ihn diesmal wirklich drangekriegt“, sagte Hendrix.

„Mit Glück.“

„Ja.“

Er spuckte aus dem Fenster. „Und mit Pech wäre in drei Monaten der Nächste tot.“

Ray sagte nichts. Das war der Kern. Nicht die Formulare. Nicht Richter, nicht Anwälte, nicht die hübsche Sprache, mit der man aus Dreck Nachlässigkeit machte. Der Kerl soff, fuhr und lebte weiter. Andere taten das nicht.

Sie fuhren noch ein gutes Stück schweigend. Die Spur wurde schmaler, das Gras höher. Vor ihnen lag die Jagdhütte irgendwo zwischen Bäumen und Wasser, verborgen genug, dass man sie nur fand, wenn man sie kannte oder etwas vorhatte.

Erst da kam das Geräusch aus dem Kofferraum.

Ein dumpfer Schlag.

Dann noch einer.

Kein wildes Hämmern, eher das verspätete Begreifen eines Mannes, der nun merkte, dass die Fahrt nicht dorthin ging, wo er gehofft hatte.

Hendrix drehte leicht den Kopf.

„Na. Jetzt wird er wach.“

Wieder ein Poltern von hinten.

Ray sah nicht in den Spiegel.

„Wir sind gleich da.“

Aus dem Kofferraum kam ein gedämpftes Scharren. Dann Stille. Dann ein Tritt gegen Blech, schwächer als beim ersten Mal.

„Scheint nicht glücklich zu sein“, sagte Hendrix.

„Das überrascht mich.“

Sie fuhren die letzten Meter langsam. Die Hütte tauchte schließlich vor ihnen auf, flach und dunkel unter Bäumen, dahinter Wasser, das im matten Licht schwarzgrün wirkte. Der Boden hier war weich, aber noch tragfähig. Ray stellte den Motor ab.

Sofort hörte man alles andere deutlicher.

Insekten.

Ein fernes Platschen.

Das leise Knacken heißen Metalls.

Und den Mann im Kofferraum, der nun wieder gegen das Schloss trat, als hätte er gerade erst begriffen, dass Schreien vielleicht mehr half als Hoffen.

Ray ging zum Kofferraum, legte das Jagdgewehr über den Arm und öffnete ihn.

„Komm raus, Arschloch.“

Der Mann blinzelte ins Licht, brauchte einen Moment, dann kroch er heraus, stolperte, fing sich halb und sah sich um. Hütte. Wasser. Sumpf. Zwei Männer. Kein Weg zurück.

„Hört zu“, setzte er sofort an. „Das war ein Unfall. Ich war betrunken, ja. Scheiße. Ist passiert. Dafür gibt es Gerichte. Ihr könnt mich nicht einfach ...“

„Doch“, sagte Hendrix.

Der Mann sah von einem zum anderen.

„Ich zahl euch. Was wollt ihr? Geld? Ich hab Geld.“

Ray antwortete nicht.

„Verdammt, ich entschuldige mich doch“, sagte er hastig. „Was wollt ihr noch hören?“

Ray sah ihn ruhig an.

„Du hast mein Mädchen umgebracht.“

Für einen Moment war da nichts als Leere im Gesicht des Mannes, als müsste er erst sortieren, welche seiner Taten gemeint war.

„Ich wusste nicht ...“

„Nein“, sagte Ray. „Das ist der Punkt.“

Der Mann richtete sich ein wenig auf, versuchte Haltung zu finden.

„Wisst ihr, wer ich bin?“

Ray machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als würde er ein lästiges Geräusch beiseitewischen.

„Laber nicht.“

Er hob das Gewehr ein Stück, nicht drohend, eher als Hinweis, und deutete hinaus ins hohe Gras, wo das Wasser dunkel zwischen Schilf und Wurzeln lag.

„Lauf.“

Der Mann zögerte.

Dann lief er.

Er stolperte durchs Gras, fing sich, setzte wieder an. Ein paar Schritte zu schnell, dann langsamer, als würde er hoffen, dass ein langsamer Mann weniger erschossen wird als ein fliehender. Er erreichte das Wasser, ging hinein, erst vorsichtig, dann hastiger, bis es ihm gegen die Oberschenkel schlug.

Ray wartete einen Moment.

Dann hob er das Gewehr, zielte und schoss.

Der Treffer saß mittig. Der Mann zuckte, machte noch zwei unkoordinierte Schritte und fiel nach vorn ins Wasser. Ein kurzer Aufschlag, dann lag er halb im Schilf, halb in dem dunklen, trägen Arm des Sumpfs.

Ray senkte das Gewehr.

Sie sagten nichts. Beide gingen zurück zur Veranda, setzten sich und öffneten ihre Flaschen. Das Holz unter ihnen knarrte leise. Vor ihnen lag das Wasser, still, als wäre nichts geschehen.

Erst nach einer Weile kam Bewegung hinein.

Ein Zittern, kaum sichtbar.

Dann ein dunkler Rücken.

Noch einer.

Das Wasser verschob sich schwer, fast träge. Kein großes Reißen. Kein Lärm. Nur die Natur, die tat, was sie immer tat.

Hendrix nahm einen Schluck.

„Schnell.“

Ray nickte.

„Mhm.“

Sie sahen noch eine Weile hinaus, bis sich alles wieder beruhigte.

„Drink heute Abend?“, fragte Hendrix.

Ray sah weiter aufs Wasser.

„Vielleicht.“

„Nur einen.“

„Dann kennst du mich schlecht.“

Sie blieben noch sitzen, bis das Licht weiter sank und der Sumpf wieder so aussah wie immer.